Landesgartenschau
Ein Fachwerkgerüst voller Ideen
Harald Thaler hält ein Modell in die Höhe. Es ähnelt einem kunstvollen Durcheinander aus Fachwerkbalken en miniature. Die ungleichen Hölzer wachsen in unterschiedliche Höhen – mal nach rechts, dann nach links. Gerade ist hier nichts. Dieses Modell, welches der Geschäftsführer der Firma Projekt Spielart in den Händen hält, ist eine Art Bauplan. Nach diesem Vorbild wird auf dem mittleren Plateau im Schlosspark Gedern gemessen, gesägt und verdübelt. Das Modell folgt einem klaren Vorbild: den historischen Fachwerkhäusern Gederns. Es entsteht der erste Fachwerk-Baustellen-Spielplatz der Region.
Fachwerkhäuser als Inspiration
Unweit des Schlosses gibt es beeindruckende Fachwerkhäuser mit prägnanten Toren. Kräftige Holzbalken, schräge Streben, kunstvolle Andreaskreuze und rautenförmige Verzierungen verleihen ihnen ihren individuellen Charakter. „Diese Architektur ist die Inspiration. Statt bunter Kunststoffgeräte entsteht eine Spiellandschaft aus Holz, deren Türme, Balken, Streben und Verbindungen an die traditionelle Zimmermannskunst erinnern. Sie ist das Gegenteil von linear, hier ein wenig schräg und dort mit eigener Handschrift“, erläutert Thomas Hellingrath, Geschäftsführer der Landesgartenschaugesellschaft. Die rote Lasur der aufgestellten Balken greift den Farbton der Buntsandsteinlaibungen des Gederner Schlosses auf. Die Kinder toben künftig inmitten einer Balkenkonstruktion, die an eine über Jahrhunderte erprobte Bauweise erinnert.
Der terrassenförmig angelegte Schlosspark in Gedern ist neben Bad Salzhausen ein Hauptaustragungsort der Landesgartenschau Oberhessen 2027. Hier wird an allen Ecken und Enden aufwendig, aber behutsam saniert. In wenigen Metern Abstand entstehen auf dem mittleren Plateau zwei neue Spielinseln. Den Entwurf lieferte das Büro Franz Reschke Landschaftsarchitektur GmbH mit Standorten in Hamburg und Berlin. Die Firma Projekt Spielart aus Rosenheim setzt diesen um und ergänzt ihn um konstruktive und spielerische Details.
Anspruch und Tempo unterschiedlich
Die beiden Spielbereiche in Gedern wurden für unterschiedliche Altersgruppen entwickelt. Durch die Anordnung und Beschaffenheit ihrer Elemente sind die Herausforderung und das mögliche Tempo verschieden. Die niedriger gestaltete Spielinsel richtet sich vor allem an Kinder unter drei Jahren („U3“), die höhere an Kinder ab sechs Jahren („Ü6“). Im U3-Bereich ist Inklusion ein zentrales Gestaltungsprinzip. Das zeigt sich unter anderem an dem breiten, mittig angelegten Holzsteg, der über Eck verläuft und auch mit dem Rollstuhl befahrbar ist. Er lädt zum Bewegen, Verstecken und Ausprobieren ein. Harald Thaler entfernt eine Plane. Darunter kommt eine silberne Kuppel zum Vorschein. Es ist das Abbild des Glockenturms am Gederner Schloss. Es dient den Kleinsten als Rutsche. Der Sandspieltisch im U3-Bereich ist mit dem Rollstuhl unterfahrbar. Eine Pumpe an einem Brunnen lädt die Kinder dazu ein, mit Matsch zu modellieren. Ein kleines, aus zwei Wänden bestehendes Zelt bietet Gelegenheit zum Verstecken.
Balken aus Eiche und Robinie
Balancierend können die Kinder zum Ü6-Bereich wechseln. Der ist insgesamt deutlich höher und mit einer großen Rutsche sowie zwei unterschiedlich hohen Türmen versehen. Hier stehen das Balancieren und Klettern bis auf 2,50 Meter Höhe im Vordergrund. Es gibt feste Elemente mit Streben ebenso wie abgehängte Elemente mit Seilen. Netze docken an die in unterschiedlichen Höhen angebrachten Plattformen an. Alle Balken sind aus Eiche oder Robinie. Die Pfostenschuhe aus Edelstahl sorgen für Langlebigkeit. Bälle zum Greifen und Fühlen, die an einem Kunststoffseil herunterbaumeln, Wassereimer, eine Maltafel oder ein eingefrästes Fingerlabyrinth sind nur einige der verspielten Details.
Zwei große Buntsandsteinterrassen bieten Platz für Sitzmöbel und Eltern, die ihre Kinder gerne beobachten möchten. Mit ihren abgeschrägten Fronten greifen die roten Buntsandsteinquader zugleich die Formensprache der Anlage auf.
„Wir wollen Räume schaffen und sie den Kindern zurückgeben“, bringt es Harald Thaler, freischaffender Künstler und Holzbildhauer, auf den Punkt. An der Baustelle geht es zügig voran, der Fortschritt ist täglich zu beobachten. Ein für die Kinder wesentlicher Unterschied zu den historischen Häusern: Die Bauzeit für den Spielplatz „Fachwerk-Baustelle“ ist deutlich kürzer.
